„Vom Glück zu Arbeiten“: Ein neues Buch skizziert die postindustrielle Wirtschaftsordnung

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Erfüllung in der Arbeit, gibt es das (noch)? Und hat es sie je gegeben?

Folgt man dem neuen Buch „Vom Glück zu arbeiten“ von Johannes Czwalina und Clemens Brandstetter (FAZ-Verlag), befindet sich die Arbeitswelt von heute auf Abwegen. Angesichts von Fachkräftemangel und Überarbeitung einerseits sowie struktureller Massenarbeitslosigkeit und Niedriglohnarbeit andererseits ziehen die beiden Managementberater ein negatives Fazit: So wie Arbeit heute organisiert und verteilt ist, schließt sie immer größere Teile der Gesellschaft von einem sinnerfüllten Leben aus. In unserer nachindustriellen, wissensbasierten Marktwirtschaft müssen wir uns grundsätzliche Gedanken machen, wie Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden kann, und anstelle reiner Profitmaximierung eine stärkere Gemeinwohlorientierung treten kann.

Eine Anleitung dazu geben Czwalina/Brandstetter in den drei Hauptteilen ihres Buches. Zunächst werfen sie einen Blick zurück in die Geschichte des Arbeitsbegriffs von der Antike bis zur Gegenwart. Darin kommen Philosophen wie Aristoteles, alttestamentarische Quellen und das „ora et labora“ der Benediktiner ebenso zur Sprache wie die einschlägigen modernen Denker von Adam Smith bis Karl Marx. Daran anschließend liefern die beiden Autoren ihre eigene Diagnose der gegenwärtigen, nachindustriellen Arbeitswelt. In dieser ist der „Markt“ für viele zum „Ersatz für Religion, Freiheit, Familie und Liebe“ geworden. Deformationen wie Mobbing, Burn-Outs und zunehmende Lebensängste sind keine Einzelfälle, sondern Symptom einer Epochenkrise.

Vom Glück zu arbeitenWohlstand jenseits von BIP und BSP
Im zweiten Hauptteil ihres Buches beschäftigen sich Czwalina und Brandstetter dementsprechend mit allgemeinen Voraussetzungen für die Erneuerung des Arbeitsmarktes. Zu ihnen gehört vor allem ein breit angelegtes Umdenken der gängigen Wertbegriffe: „Wir müssen das Wesenhafte der Arbeit wiederentdecken und dafür kämpfen. Das Phänomen Arbeit müssen wir aus seiner rationalen kommerziellen Verengung als Ware mit ganzer Kraft befreien.“ Dazu gehört eine Neubewertung der „Nichterwerbsarbeit“, also aller sozialen menschlichen Tätigkeiten, die nicht unmittelbar materiell vergütet werden. Es geht ihnen aber auch um eine Befreiung von Konsumzwängen, eine neue Wohlstandsdefinition jenseits von BSP oder BIP und eine verstärkte Einforderung von Unternehmerverantwortlichkeit für das Gemeinwohl. Schließlich diskutieren sie konkrete Reformansätze wie das bedingungslose Grundeinkommen oder eine „Lenkungsabgabe“ für Unternehmen.

Es beginnt bei Dir
Im dritten und letzten Teil wenden sich die beiden Autoren dann direkt an den Einzelnen und beschreiben die persönlichen Voraussetzungen für den Umbau der Arbeitswelt. Hier steht ein neuer Typ von Unternehmenslenker im Mittelpunkt, der sich vom bloßen „Manager“ zum echten „Leader“ mausert. Dieser überzeugt durch Charakter und Integrität sowie eine „in sich ruhende Persönlichkeit“. Merklich sind die beiden Autoren hier voll in ihrem Element. Mit zahlreichen Checklisten und Fragekatalogen rücken die Management-Berater ihrer Zielgruppe auf den Leib. Die Leser müssen über ein schlichtes „Wer bin ich?“ genauso Rechenschaft ablegen wie über ein „Habe ich Angst vor Freizeit?“. Bei dieser Reise ins eigene Selbst wird es denn mitunter auch ein wenig arg „coachig“. So bekommt der Leser Ratschläge wie die folgenden mit auf den Weg: „Gib Deinem Leben und Deiner Arbeit (neuen) Sinn. Befreie dich vom materiellen Diktat.“ etc.

Fazit
Trotz dieser etwas abflachenden Praxisstrecke gegen Ende ihres Buches bringen Czwalina und Brandstetter mit „Vom Glück zu arbeiten“ einen wichtigen Impuls zu einer Zeit, in der sich Deutschland wieder voll auf wirtschaftliches Wachstum eingestellt hat und die Sorge um Arbeitslosigkeit und Breitenarmut in den Hintergrund getreten ist. Oberflächlich betrachtet, ist die Wirtschafts- und Finanzkrise, unter deren Eindruck das Buch spürbar geschrieben wurde, zumindest in Deutschland gebannt und das Problem erst einmal erfolgreich vertagt. Weniger als 3-Millionen (gemeldete) Arbeitslose und die Aussicht auf einen neuen Steuer- und Einnahmesegen bei uns lassen übersehen, dass wir (noch immer) kein Wirtschaftsmodell kennen, das anders als über materielles Wachstum funktioniert und in dem nicht Wirtschaftskrisen mit hoher Wahrscheinlichkeit in ethische Krisen umschlagen.

Wie jeder einzelne in seinem täglichen Lebensumfeld stückweise auf ein solches Zukunftsmodell hinarbeiten kann, in dem auch „Sockelarbeitslose“ und „Niedriglohnempfänger“ ihren selbstverständlichen Platz finden, dazu gibt die lesenswerte Untersuchung von Johannes Czwalina und Clemens Brandstetter eine brauchbare Anleitung.