Büros als digitale Schulbank

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CC by julipan

Früher ging man ins Büro, um zu arbeiten. Heute stehen zahlreiche Möglichkeiten zur Auswahl. Ob Home Office, W-Lan Café, Coworking-Space oder die unendlichen Orte unterwegs: Es gibt Arbeitsräume für die unterschiedlichsten Aufgaben. Und klar ist, dass Büro-Räume in einer postindustriellen Arbeitsgesellschaft, die auf Innovation und Kreation angewiesen ist, nur zweite Wahl sind. Wozu also gibt es überhaupt noch Büros?

Einen interessanten Seitenaspekt zeigt eine Studie des Einrichtungsherstellers Vitra. Die „Topology of Work“ betitelte Untersuchung entstand nach zahlreichen Tiefeninterviews mit leitenden Mitarbeitern führender europäischer Unternehmen wie BBC, British Library oder Porsche.

Sie zeigt unter anderem, dass die klassische Büroumgebung unverzichtbar ist, wenn es darum geht, Berufseinsteiger und Neuzugänge in große Wissenskollektive einzuarbeiten und einen maximalen Informationstransfer zu gewährleisten. So gesehen sind Büros eine Schulbank, die jeder Kollektivarbeiter einmal gedrückt haben sollte.

Imprägnieren

Aus Sicht der Studienteilnehmer tragen Büroumgebungen maßgeblich dazu bei, Mitarbeiter mit der jeweiligen Unternehmenskultur zu infizieren. Die wirksame Verbreitung von Arbeitsstilen, Verhaltenskodizes und ungeschriebenen Gesetzen der Zusammenarbeit läuft demnach wesentlich über den täglichen Direktkontakt zu Kollegen und Vorgesetzen.

Und das vor allem, weil Lernen oft genug imitatorisch erfolt. Lernende müssen Gesten, Sprache und Verhalten ihrer Ausbilder aufsaugen können. Manches muss man einfach persönlich gezeigt bekommen. Und auch aus den Fehlern der anderen lässt sich eine Menge lernen. Nicht zuletzt lernt man das eigentliche „Who-is-who“ großer Unternehmensstrukturen nur kennen, wenn man das komplizierte Mosaik zahlloser Einzelgespräche zusammensetzt.

Motivieren

Hinzu kommt das Moment der Motivation: Viele der in der Studie ebenfalls befragten Berufseinsteiger belegten, dass der Eintritt in die „Bürowelt“, in ihnen zahlreiche neue Antriebe und Ziele geweckt habe. Schon die professionelle Arbeitsumgebung hätte sie stark beeindruckt und ihnen schlagartig klargemacht, dass sie jetzt zur Arbeitswelt gehören und erhöhten Leistungsansprüchen genügen müssten. Mancher Karriereplan nahm erst am neuen Schreibtisch Gestalt an. Status und Bedeutung der eigenen Person drückte sich für sie wesentlich durch die Gestaltung des Office aus.

Einig sind sich die Teilnehmer der Studie, dass die Büroetage dem Kollektiv auch eine unverzichtbare Bühne für die Selbstdarstellung bietet. Der Auftritt vor der Gruppe, ob in Präsentationen oder Meetings, gilt als wichtigste Überprüfung der eigenen Leistung. Und auch Anerkennung empfängt man am besten direkt aus den Blicken und Worten seiner Mitstreiter.

Informeller Austausch

Büroarbeit hat aber noch einen weiteren Aspekt, den die Vitra-Studie zu Tage fördert. Unerlässlich für jede größere Organisation ist demnach der informelle Austausch bei zufälligen Gelegenheiten. Ob Teeküche, am Wasserspender oder sogar im Lift. Oft kommen die Mitarbeiter gerade hier ins Gespräch und sorgen für die Weitergabe von Informationen über die üblichen Team- und Abteilungsgrenzen hinweg. Dass in größeren Unternehmensstrukturen die eine Hand weiß, was die andere tut, hängt nicht unerheblich von dieser informellen Kommunikation ab.

Dabei ist es manchmal auch die erzwungene Nähe, etwa im Fahrstuhl, die die (entfernteren) Kollegen miteinander ins Gespräch bringt. Denn so lässt sich die ungewohnte Intimität am besten überspielen. Ein klassischer Treffpunkt ist ebenfalls der Wasserkocher in der Teeküche. Er bietet einen plausiblen Grund, miteinander Zeit zu verbringen, ohne sich den Vorwurf der Untätigkeit einzuhandeln. In dieser Atmosphäre wurden oft schon entscheidende Dinge zur Sprache gebracht. Ein Befragungsteilnehmer beklagt gar den Austausch der alten Wasserkocher zugunsten eines schnelleren Heißgetränkeautomaten: „Es fehlt jetzt einfach der Grund, sich dort zu treffen und zu plaudern.“

Die Rolle des Büros

Informeller Austausch, Imprägnierung und Motivation, das ist also noch immer die große Domäne der klassischen Büroumgebung. Und die lässt sich durch Videokonferenzen oder digitales Messaging einfach nicht abbilden.

Aber es wird auch klar, dass die Kernbedeutung des Büros wesentlich auf die Lernphase im Berufsleben zielt. Wer den gewissen Office-Schliff erst einmal empfangen hat und über eine klare Position im Unternehmen verfügt, ist dem Büro eigentlich bereits entwachsen. Nicht von ungefähr zeigt die Vitra-Studie zahlreiche Fallbeispiele leitender Mitarbeiter, die sämtliche Freiräume der mobilen Arbeit nutzen, um abseits des Bürotrotts Zeit für Reflexion, Ideen und neue Anregungen zu finden.