Jobsharing: Halber Job – volle Verantwortung

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Jobsharing: Halber Job – volle Verantwortung
Anna Kaiser (li) und Jana Tepe vom Berliner Startup Tandemploy (Foto: Tandemploy)

Teilzeit und Home Office sind als Arbeitsformen mittlerweile weit verbreitet in Deutschland – wer kennt ihn nicht, den Kollegen, der heute im Home Office ist oder die Kollegin, die nach der Geburt ihres Kindes in Teilzeit in den Job zurückkehrt?

Dass man sich einen Job aber auch teilen kann, davon haben noch nicht so viele Arbeitnehmer gehört. Das versucht Jana Tepe mit ihrer Jobsharing Plattform Tandemploy zu ändern. Die Geschäftsidee kam ihr, als sie – angestellt in einer Personalberatung – eine Doppelbewerbung erreichte. Zwei Menschen bewarben sich gemeinsam auf eine Stelle, als Team. Sie fand die Idee genial und gründete zwei Monate später – ebenfalls mit einer Kollegin als Doppelspitze – Tandemploy.

Jobsharing: Der Weg zur eierlegenden Wollmilchsau

Sie sieht im Jobsharing viel größere Vorteile als in klassischer Teilzeit – sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber. Im Interview mit der Zeit erläutert sie: “Wer weniger Stunden arbeiten möchte oder muss, geht bei der klassischen Teilzeitstelle in der Regel Kompromisse ein und nimmt beim Gehalt und vor allem den Aufgaben große Einbußen in Kauf. Beim Jobsharing wird eine Stelle aber eben nicht anteilig gesplittet und von zwei unabhängig voneinander arbeitenden Mitarbeitern ausgeführt. Sondern beim Jobsharing wird eine Position mit zwei Personen besetzt, die im Team zusammenarbeiten und die Stelle gemeinsam verantworten.

Das bietet viele Vorteile. So gibt es bei Tandemploy selbst ein Tandem von zwei Kollegen, die sich eine Stelle im Vertrieb teilen. Wird bei einem das Kind krank und er muss zu Hause bleiben, kann der andere kurzfristig übernehmen. Er ist mit allen Themen genauso vertraut wie sein Kollege, die beiden haben einen gemeinsamen Kalender und Zugriff auf das E-Mail-Postfach des jeweils anderen. Aber nicht nur die Verhinderung eines Totalausfalls wird durch Jobsharing gewährleistet. Die Stärken der beiden Jobsharer bei Tandemploy sind jeweils anders gelagert. Während der eine mehrere Sprachen fließend spricht, ist der andere stark analytisch veranlagt und jongliert gerne mit komplexen Excel-Tabellen. So bekommt der Arbeitgeber eine Art eierlegende Wollmilchsau – die kombinierten Stärken und Fähigkeiten zweier Mitarbeiter bringen in Summe mehr als die eines einzelnen.

Top-Sharing: Auch führen geht in Teilzeit

Aber nicht nur eine “normale” Vertriebsstelle lässt sich als geteilter Job umsetzen. Selbst hohe Führungspositionen sind mit Jobsharing realisierbar – Top-Sharing nennt man das dann. So teilt sich Katja Jenker zusammen mit Dorle Springer eine Führungsposition bei der Deutschen Bahn. Sie ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet, wie ihre Tandem-Kollegin, zu 60 Prozent auf der Stelle. “Für mich hat das Modell nur Vorteile“, sagt sie im Manager Magazin. „Ich habe einen verantwortungsvollen Job und kann trotzdem Teilzeit arbeiten.“ Jenker habe schnell gemerkt, dass reine E-Mail-Übergaben an ihre Kollegin nicht funktionieren. Zwischentöne und Stimmungen aus Meetings gebe man besser im Telefonat oder direkten Gespräch an die Tandem-Partnerin weiter. Daher passt es gut, dass die beiden sich einen Tag pro Woche im Büro überschneiden und Zeit für Austausch haben.

Generell sollten Arbeitgeber darauf achten, dass die Chemie zwischen zwei Tandempartnern stimmt und es keine Rangeleien darum gibt, wer nun die Nummer eins und wer die Nummer zwei ist, rät Jana Tepe. Der eine muss dem anderen vertrauen und sich loyal ihm gegenüber verhalten. Das Tandem muss geschlossen auftreten und gleichbleibendes Verhalten gegenüber dem Team zeigen. Für die Mitarbeiter hat die Doppelspitze den Vorteil, dass die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch ist, mit einem der Chefs auf einer Wellenlänge zu liegen.

Trotz aller Vorteile: Jobsharing hierzulande noch wenig verbreitet

Das Jobsharing-Modell könnte eine Antwort auf die immer lauter werdende Debatte um die reguläre Arbeitszeit in Deutschland geben. „Laut arbeitspsychologischen Studien sind die meisten Menschen nur bis zu fünf Stunden zu konzentrierter Arbeit pro Tag in der Lage“, sagte Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen, kürzlich der Huffington Post. Zwei Mitarbeiter, die jeweils zu 50 oder 60 Prozent arbeiten und dabei 100 Prozent geben können, bringen allen Beteiligten mehr als eine überarbeitete Vollzeit-Fach- oder Führungskraft, deren Leistungskurve zum Ende des Tages spürbar abflacht.

Trotzdem ist die Verbreitung von Jobsharing in Deutschland noch sehr gering. Nur rund 20 Prozent der deutschen Arbeitgeber haben das Modell bereits ausprobiert – aber die meisten von ihnen bleiben dann auch dabei, so Tepe. Insbesondere in Pflegeberufen und bei Ärzten ist das Modell schon weiter verbreitet. Bei alteingesessenen Industriekonzernen hingegen müssen die Mitarbeiter das Thema oft selbst vorantreiben. Das taten auch Sandra Rathmann und Susanne Klement bei Bosch. Ein halbes Jahr lang planten die beiden ihr Tandem und traten dann mit einer Gehaltssimulation an den Konzern heran. Diese zeigte, dass die Kosten für Gehalt und Sozialabgaben nur um knapp zehn Prozent höher waren als bei einer Vollzeitstelle. Dass es dafür aber keine Ausfälle bei Urlaub oder Krankheit geben würde, überzeugte die Entscheider bei Bosch schließlich.

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