Interview zum Home Office Day 2011: «Bei Home Office kommt es auf eine gute Passung zwischen Aufgaben, Ressourcen und den Mitarbeitenden an.»

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Prof. Dr. Hartmut Schulze leitet das Institut für Kooperationsforschung und
-entwicklung an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz und beschäftigt sich u.a. mit den psychischen Herausforderungen, die sich Mitarbeitenden im Home Office stellen. Im Interview spricht er über wichtige Voraussetzungen im Arbeitsalltag, ohne die der Mensch sein Leistungspotential nicht ausschöpfen kann.

Herr Schulze, worauf kommt es an, damit der Mensch beste Voraussetzungen für das Ausschöpfen seines Leitungspotentials hat?

Dies hängt von verschiedenen Aspekten ab. Zum einen sind dies Rahmenbedingungen, wie beispielsweise Organisationskultur und –struktur des Arbeitgebers oder die Art der Aufgaben. Diese sollten den Fähigkeiten des Mitarbeiters entsprechen, herausfordernd sein und zu Erfolgserlebnissen führen. Zum anderen hängt die Ausschöpfung des vollen Leistungspotentials von der Motivation und den passenden Kompetenzen des Mitarbeitenden ab. Letztlich ist eine möglichst gute Passung zwischen den Rahmenbedingungen, den Kompetenzen sowie den Persönlichkeitsmerkmalen der Mitarbeitenden von großer Bedeutung für deren Leistungsfähigkeit und Erfolg.

Was bedeutet das in Bezug auf neue Arbeitsweisen wie Home Office?

Das Home Office ist nicht für alle Aufgaben und auch nicht für jeden Mitarbeitenden die idealste Arbeitsform. Aufgaben, die eine feste Einbindung in Ablaufprozesse, eine ständige Erreichbarkeit oder auch eine große Abhängigkeit von der Technologie haben, eignen sich sicherlich weniger für Home Office. Personen, die allgemein ein sehr großes Bedürfnis nach sozialer Interaktion haben und die engere Ansprache und Anleitung schätzen, die es nicht gewohnt sind, sich selbst zu motivieren und zu organisieren, für die ist die Arbeit im Büro sicherlich eine idealere Form, als jene im Home Office. Für Personen hingegen, die Unabhängigkeit und komplexe Aufgaben lieben, die Zeitsouveränität schätzen, also generell nach Autonomie streben, für die ist die Kombination von Home Office und Büro eine sehr ideale Arbeitsform. Diese Personen stellen im Zeitalter mobiler Wissensarbeit sicherlich eine Mehrheit dar.

Welche Rolle spielen hier die Personalverantwortlichen von Unternehmen?

Eine sehr große Rolle. Sie müssen im Einstellungsverfahren erkennen, ob die Persönlichkeitsmerkmale eines Bewerbers zu den Rahmenbedingungen des Unternehmens passen. Nach der Einstellung kommt der Personalentwicklung eine große Bedeutung zu. Unternehmen müssen in der Lage sein, zu erkennen, wie es ihren Mitarbeitern mit der mobilen und flexiblen Arbeitsform ergeht. Mitarbeitende müssen darin unterstützt werden und dürfen keinesfalls alleine gelassen werden, sonst sind sie weder produktiv noch erfolgreich.

Welche Schwierigkeiten entstehen, wenn die Persönlichkeitsmerkmale von Mitarbeitenden nicht zu den Rahmenbedingungen der Unternehmen passen?

Passen die Kompetenz- und Persönlichkeitsprofile auf Dauer nicht zu den Arbeitsbedingungen und dem Unternehmen, wird es für die betreffenden Mitarbeitenden schwer, qualitativ guten Output zu generieren. Dies kann leicht zu Frustration und Unzufriedenheit führen, nicht zuletzt auch auf Seite der Unternehmen.

Die neuen Arbeitsformen stellen vor allem zu Beginn auch mit geeigneten Persönlichkeitsmerkmalen eine Herausforderung dar.

Das ist so. Mit der zunehmenden Virtualisierung der Arbeitswelt steigen die Anforderungen an das Planungs- und Selbstmanagement der Mitarbeitenden stark an. Sie sind zunehmend gefordert, stille und ungestörte Phasen für konzentriertes Arbeiten einzuplanen – und umgekehrt anzuzeigen, wann sie über welchen Kanal ansprechbar sind. Besonders wichtig ist beim Home Office auch eine gute Medienkompetenz. Gerade im Zeitalter der virtuellen Kommunikation ist es umso wichtiger, mit den Medien umgehen zu können sowie Verantwortung für die eigene Arbeits- und Kommunikationsplanung zu übernehmen.

Sind die genannten Fähigkeiten erlernbar?

Davon bin ich überzeugt. Es braucht dazu allerdings Unterstützung der Arbeitgeber. Eine große Entlastung bietet beispielsweise ein gutes „Management by Objectives“, eine sehr ziel- und leistungsorientierte Führungskultur, die zugleich große Unterstützung der Vorgesetzten bietet. Diese Führungskultur erfordert einen hohen Grad an gegenseitigem Vertrauen. Denn nicht einzelne Arbeitsschritte werden kontrolliert, sondern der gesamte Output, also das Aufgabenpaket. Nur so ist es Mitarbeitenden möglich, ihre Arbeit zu planen und auf Büro und Home Office aufzuteilen.

Gibt es weitere elementare Verhaltensweisen im Umgang mit Home Office?

Mitarbeitende müssen erkennen, wann sie soziale Interaktion für die Bewältigung der Aufgabe oder für das eigene Wohlbefinden brauchen, Sie müssen diese einfordern und sich u.a. über die Nutzung von Medien wie Instant Messaging oder Webconferencing holen können. Trotzdem: Nur von zu Hause aus zu arbeiten, ist auch bei stark autonomiebedürftigen und –fähigen Menschen wenig sinnvoll. Studien haben ergeben, dass die Produktivität dann am höchsten ist, wenn zwischen zwei und zweieinhalb Tagen im Home Office gearbeitet und der Rest der Woche für Tätigkeiten und Abstimmungen im Büro genutzt wird.

Weitere Infos zum Schweizer Home Office Day unter www.homeofficeday.ch