LiquidFeedback: Können Unternehmen von den „Piraten“ lernen?

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Gastbeitrag von Michael Bukowski

Die Piratenpartei setzt zur Verbesserung demokratischer Entscheidungsprozesse auf eine selbst entwickelte Software namens „LiquidFeedback„. Ein wesentliches Ziel dieser OpenSource-Lösung liegt in der Stärkung der Kompetenz. Die junge Partei will unter anderem erreichen, dass Entscheidungen nur von denjenigen getroffen werden, die über entsprechende Expertise verfügen, und nicht von den vermeintlich besseren Politikern. Ein interessantes Modell für Smartworking und Unternehmen?

Interne Organisations- und Abstimmungsprozesse von Unternehmen sind ein komplexes Thema. Noch schwieriger gestalten sich die Abläufe in einer Partei. Die als Internet-Partei bekannt gewordenen Piraten versuchen jetzt, mit „LiquidFeedback“ das Web auch als Instrument zur Verbesserung demokratischer Prozesse zu nutzen. Wir wollen uns im Folgenden einen möglichen relevanten Aspekt von LiquidFeedback für Smartworking und Unternehmen ansehen: das Delegationssystem.

Neuer Wind im alten Duell zwischen Kompetenz versus Politik

Generell agieren Parteien wie Unternehmen im Spannungsfeld zwischen den nicht immer auf selbem Kurs laufenden Prinzipien Kompetenz und Taktik bzw. Macht. Manchmal verhalten sich beide deckungsgleich, nicht selten aber auch konträr. In der Politik sind Beispiele für Entscheidungen gegen den eigenen Willen aufgrund von „parlamentarischen Zwängen“ geläufig. Auch in Unternehmen wird bekanntlich nicht immer zu Gunsten der Sache, sondern „politisch“ im Sinne der Hierarchie entschieden.

Ein Aspekt von LiquidFeedback liegt nun in dem Versuch, die Kompetenz gegenüber der Taktik zu stärken. Dazu dient unter anderem ein Delegationssystem. Zum Vergleich: Bei der „herkömmlichen“ repräsentativen Demokratie stellt der Wähler mit seiner Stimme einen Blanko-Scheck aus. Das heißt, nach der Wahl hat er keinen Einfluss mehr und nicht selten fühlt er seine Stimme schlecht delegiert (Stichwort „Wahlkampflüge“).

Präzise delegieren statt pauschal zustimmen

Anders bei LiquidFeedback: Über die Internet-Plattform wird nicht pauschal, sondern sachbezogen delegiert: Person A hält Person B für kompetent in Thema C. Also delegiert A seine Stimme an B. Diese Übertragung gilt aber ausschließlich für das Thema C. Sie kann jederzeit aufgekündigt werden und ist transparent für alle Mitglieder online einsehbar. Im Ideal fußt die Entscheidungsfindung der gesamten Partei auf diesem Weg ausschließlich auf Kompetenz. Experten sammeln Stimmen aufgrund ihrer Sachkenntnis und Know-how siegt über Politik. So weit das Ideal. Inwieweit das in der Praxis funktioniert, wird spannend zu beobachten sein.

Welche Impulse könnte dieser Ansatz für Smartworking bringen? Wir glauben: Einerseits die persönliche Entlastung vom Druck, in möglichst vielen Bereichen mit fundiertem Wissen gerüstet zu sein. Stattdessen vertraut man zum Beispiel im Projektteam auf das Expertenwissen der Kollegen und delegiert ihnen die eigene „Stimme“, während man sich gezielter auf das eigene Expertenwissen konzentrieren kann.

Andererseits könnte eine Lösung wie LiquidFeedback besonders vor dem Hintergrund der sich wandelnden Arbeitswelt als Organisationstool interessant sein. Schließlich verlagert sich die Struktur der Arbeit zunehmend weg vom starren, hierarchiegebundenen Arbeitsverhältnis hin zu vernetzter, fließenderer Projektarbeit. Teams und Abteilungen könnten ihre Entscheidungsprozesse übersichtlicher, ortsunabhängiger und letztlich effizienter gestalten. Ob LiquidFeedback tatsächlich ein geeignetes Instrument im Sinne von Smartworking ist, kann jeder selbst testen.

LiquidFeedback steht der Öffentlichkeit als OpenSource Software unter MIT-Lizenz kostenfrei zur Verfügung und kann daher auch von anderen Parteien, NGOs, Vereinen und Stiftungen genutzt werden (siehe liquidfeedback.org).

Infografik der Piratenpartei zum Delegated Voting: piratenpartei.de

Link zu abgeschlossenen Abstimmungen mit LiquidFeedback – Piratenpartei Berlin Organisatorisches