Die neue Welt der Arbeit: Was genau ist das eigentlich?

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CC by ewedistrict
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Aus nahe liegenden Gründen gehören Unternehmen der ITK-Branche selbst zu den Vorreitern, was moderne IT-gestützte Arbeitsformen angeht. Und so hat auch der Software-Entwickler Microsoft einmal seine langjährigen Learnings gesammelt und in Form eines Whitepaper veröffentlicht. In Zusammenarbeit mit Arbeitsexperten wie Matthias Bartz und Franz Kühmayer entstand die lesenswerte Broschüre „Das neue Arbeiten“. Sie bringt die neue Welt der Arbeit in einer Reihe von Thesen auf den Punkt und formuliert die daraus folgenden Anforderungen an eine zeitgemäße Informationstechnik. Die wichtigsten haben wir einmal herausgegriffen.

„Ökosysteme lösen lineare Wertschöpfungsketten ab“
Den Autoren zufolge stehen Unternehmen heute vor der Aufgabe, die Zusammenarbeit auf Unternehmens-Ebene völlig neu zu strukturieren. Denn in der neuen Welt der Arbeit hat sich die Art der gesellschaftlichen Produktion massiv verschoben, weg von „linearen Wertschöpfungsketten“ hin zu „Ökosystemen“. Das zeigt sich an einer dreifachen Entgrenzung:

Zwischen Produzenten und Konsumenten – Crowdsourcing wird für immer mehr Unternehmen unverzichtbar in der Produktentwicklung. Innovationen finden nicht mehr in verschlossenen „Innovationsabteilungen“ statt, sondern im Dialog mit dem „Prosumer“.

Zwischen den Produzenten untereinander – Immer unklarer wird, wer Partner und wer Konkurrent ist. Der Wettbewerb ähnelt heute immer mehr einer „Coopetition“: in einigen Kontexten sind Unternehmen Partner oder Lieferant, in anderen Rivale.

Zwischen Produzenten und Lieferanten – Outsourcing ist weiter massiv auf dem Vormarsch. Wurden ehemals ausschließlich diskrete Aufgaben ausgelagert, so werden aktuell ganze Geschäftsprozesse an Partner vergeben.

Für die Autoren lautet die neue Herausforderung für Unternehmen daher, „den Widerspruch zwischen enger Vernetzung und loser Kopplung aufzulösen. Das bedeutet für Führungskräfte, dass sie heute eine wesentlich höhere Komplexität und Dynamik überblicken und handhaben müssen.“

Und der Auftrag an die Informationstechnik heißt: „Für bestimmte Projekte werden Strukturen benötigt, in denen Projektdaten eng zwischen Unternehmen ausgetauscht werden und die gegenseitigen IT-Systeme im Sinne optimaler Collaboration tief miteinander verschränkt sind; in anderen Situationen geht es um sichere Abgrenzungen der Daten, etwa mit Blick auf Compliance, Datenschutz oder wettbewerbsrelevante Informationen. Die Geschwindigkeit, mit der solche Vernetzungen bzw. Sicherheitsbarrieren auf- und wieder abgebaut werden können, entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit.“

„In der neuen Welt der Arbeit steuern wir auf einen ‚Freelance Planet‘ zu“
In der aktuellen Wirtschaft befinden sich aber auch die traditionellen Organisationsstrukturen innerhalb der Unternehmen in Auflösung. Traditionelle Dienstverhältnisse weichen vielfältigen flexiblen Modellen. Die Autoren machen das an einer massiven Zunahme von Teilzeitbeschäftigungen fest.

Zum anderen arbeiten heute Kräfte zusammen, die eine Vielzahl verschiedener Bezüge zum Unternehmen haben. Zum Ökosystem der neuen Unternehmensstrukturen gehören heute neben herkömmlichen Angestellten genauso kurzfristig engagierte Projektmitarbeiter, Leihpersonal, externe Berater und Dienstleister oder sogar ausgegliederte Unternehmensbereiche.

Für die Unternehmen heute gilt demnach, dass Personalführung, Kommunikation und Management zunehmend unter der Prämisse stattfinden, dass ein guter Teil der Mitarbeiter keine Fix-Angestellten mehr sind, sondern Freelancer in der einen oder anderen Form. Die Frage „Was ist eigentlich ein Mitarbeiter?“ muss völlig neu diskutiert werden.
Für die Informationstechnologie lautet daher die Schlüsselfrage, wie in einem solchen Umfeld Produktivitäts- und Kommunikationswerkzeuge zur Verfügung gestellt werden: „Jedenfalls müssen Teamwork- und Collaboration-Szenarien dynamisch abbildbar und hochgradig flexibel sein, damit sie keine Barriere für neue Arbeitsstrukturen darstellen, sondern eine wesentliche Unterstützung.“

„Arbeit kann überall und jederzeit stattfinden“
„Die aktuell im Arbeitsprozess stehende Generation ist vielleicht die letzte, die Arbeit als zeitlich räumliches Konzept begreift, Stechuhren und Arbeitszeitaufzeichnungen kennt und mit ‚In-die-Arbeit-Fahren‘ den Weg ins Büro meint. In der neuen Welt der Arbeit arbeiten die Menschen von überall und zeitunabhängig.“

Dieses Szenario belegen die Autoren durch verschiedene Zahlen. So ist laut einer IDC-Studie aus 2009 die Anzahl der mobilen Arbeitskräfte in Westeuropa allein in 2009 um 6 % auf 129,5 Millionen gestiegen, was in etwa der Hälfte der Arbeitskräfte entspricht. Der Anteil der Unternehmen, die Telearbeit anbieten, lag nach einer Studie des Münchener IFO-Instituts 2006 bereits bei 18,5%. Für 2020 lautet die Prognose sogar 81%.

Das hat laut den Autoren verschiedene Ursachen. Da ist zunächst der Wunsch der Unternehmen, ihre Services auszuweiten und ihren Kunden und Partnern möglichst breite Geschäfts- und Kontaktzeiten anzubieten. Zudem sollen Reisekosten und -zeiten eingespart werden und obendrein noch etwas zur CO2-Reduktion beigetragen werden.

Hinzu kommt allerdings auch die Forderung von Seiten der Mitarbeiter, die nach familiengerechten Arbeitsformen suchen: „Anstatt täglich bis 17 Uhr im Büro zu sein, sind diese heute lieber um 15 Uhr zu Hause, um ihre Kinder zu sehen und dann um 20 Uhr nochmals von zu Hause weiterzuarbeiten.“

Schließlich sehen die Autoren in der modernen Wissens- und Organisationsarbeit einen starken Trend zu ergebnisorientierter Bewertung von Arbeitsleistungen. In postindustriellen Arbeitsgesellschaften ist die Vergütung nach Anwesenheitszeiten obsolet geworden. Es entscheidet der Output. Selbständige Zeiteinteilung und Tagesgestaltung werden daher allmählich zum Standard.

Angesichts der derart verstreuten Workforce, sehen die Autoren auch hier die Informationstechnik in der Pflicht: „Flexible Kommunikations- und Arbeitsmodelle werden erst durch moderne IT ermöglicht, vor allem durch Unified Communication, also Lösungen, bei denen der Erreichbarkeits-Status der Mitarbeiter erkennbar ist, und bei denen über vielfältige Kanäle kommuniziert werden kann – je nach Situation als Live-Chat, Telefongespräch, Videokonferenz oder zeitversetzt über eMail.“

„Eine Vielzahl von Arbeitsstilen existiert parallel“
Dass jede neue Generation von Berufstätigkeiten auch den Arbeitsprozessen im Unternehmen ihren eigenen Stempel aufdrückt, ist sicherlich nichts neues. Die aktuellen generationsbedingten Veränderungen sind aber aus Sicht der Autoren tiefgreifender als je zuvor.

Das hängt vor allem mit einer starken Veränderung der Arbeitsbiographien zusammen. So ist die Vorstellung eines Jobs fürs Leben ebenso wie die lebenslange Bindung an dasselbe Unternehmen gründlich überholt. Im Gegenteil: „Wer heute ins Arbeitsleben eintritt, wird vor dem 40. Lebensjahr voraussichtlich 10-14 verschiedene Jobs wahrnehmen.“

Aus dieser Vielzahl von Beschäftigungsverhältnissen resultiert für die Autoren auch ein Pluralismus der Arbeitsstile, der sich besonders zwischen den verschiedenen Generationen auswirkt. Bereits innerhalb der „Millennials“ sehen die Autoren deutliche Unterschiede: „Während 23-27-jährige noch fast 7 Stunden pro Woche mit dem Verfassen und Bearbeiten von eMails zubringen, wenden 19-23 Jährige nur noch 4 Stunden dafür auf. Im Gegenzug steigt die Verwendung sozialer Medien.“

Überhaupt ist der Import privat genutzter Arbeitsmittel in den Unternehmensalltag ein Charakteristikum der neuen Arbeitswelt: „Speziell jüngere Arbeitnehmer sind aus ihrem Privatleben eine Fülle sozialer Medien gewohnt und erwarten, im Unternehmen vergleichbare Arbeitsinstrumente vorzufinden. Wenn es über Facebook leichter ist, ein Meeting abzustimmen, als über das firmeninterne Collaboration-Tool, man in XING schneller einen Kontakt findet, als im Intranet-Adress-Verzeichnis, oder wenn in einem bestimmten Projekt die Techniken des Social-Bookmarking Produktivität und Dynamik im Team anheben, dann kann man davon ausgehen, dass die Instrumente der sozialen Medien auch im Unternehmenseinsatz verwendet werden.“ Zum Beleg führen die Autoren eine Erhebung der Yankee Group an. Demnach nutzen bereits 86% aller Arbeitskräfte inoffizielle Werkzeuge, um ihre Produktivität zu steigern.

Der Pluralismus der Arbeitsstile ist für die Autoren eine dramatische Herausforderung für die Unternehmsführung. Erfolg hat nur, wem es gelingt, „generationengerechte Arbeitswelten zu etablieren, in denen kooperativ auch über verschiedene Arbeitsstile und Instrumente hinweg gearbeitet und wechselseitig gelernt wird. Es gilt sicherzustellen, dass nicht nur gleichzeitig, sondern miteinander gearbeitet wird.“

Für die Informationstechnik bedeute das vor allem einen „gestiegenen Integrationsaufwand zwischen unterschiedlichen Systemen, die Notwendigkeit nach offenen Schnittstellen für den transparenten Austausch auch über Systemgrenzen hinweg und eine spezielle Sensibilisierung für auftretende Sicherheitsproblematiken.“

Die neue Welt der Arbeit
Fassen wir einmal zusammen. Aus Sicht des Microsoft-WhitePapers ist die neue Welt der Arbeit charakterisiert durch:

1. Die Ablösung linearer Wertschöpfungsketten durch komplexe Ökosysteme
2. Eine Pluralität von Beschäftigungsverhältnissen mit Tendenz zum Freelancing
3. Die räumliche und zeitliche Entgrenzung der Leistungserbringung
4. Einen Pluralismus von Arbeitsstilen mit starker Generationenvarianz

Dementsprechend ergeben sich für die Unternehmens-ITK daraus folgende Hausaufgaben:

1. Schnelle, skalierbare und projektweise Online-Collaboration mit Partnern und Lieferanten ermöglichen, die sich bei Bedarf ebenso schnell wieder abrüsten lässt.
2. Flexible Produktivitäts- und Kommunikationswerkzeuge für Projekt-Teams mit temporären Mitgliedern bereitstellen.
3. Unified Communications-Lösungen mit Präsenz-Management einrichten, die verschiedene Kanäle für unterschiedliche Kommunikationsaufgaben vorhalten (Live-Chat, Telefongespräch, Videokonferenz, eMail)
4. Offene Schnittstellen herstellen für eine maximale und vor allem sichere Integration von Social Media und Online-Tools des Consumer-Web.