Kreativ unter der Dusche – Warum das 9to5-Arbeitsmodell nicht für das postindustrielle Zeitalter taugt

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CC by Ordinary Guy

Innovation und Kreativität gelten als Wachstumsgaranten für ein rohstoffarmes Industrieland mit hohen Lohnkosten wie Deutschland. Wohl kaum eine Unternehmensmitteilung oder eine staatliche Wirtschaftsförderung verzichtet heute auf dieses Mantra. Aber haben wir eigentlich schon die passenden Infrastrukturen für eine Unternehmenskultur der Kreativität? Lässt unser alltägliches Arbeitsumfeld, also mehr oder weniger das Büro, Kreativität überhaupt zu?

Gerade hat die Stuttgarter „Akademie für kreatives Wissen“ iQudo die Probe aufs Exempel gemacht und deutsche Arbeitnehmer nach ihren bevorzugten Kreativorten befragt. Das Ergebnis in Kurzform: Wenn es einen Ort gibt, der garantiert nicht kreativ macht, dann das herkömmliche Büro, wie es die Mehrzahl der deutschen Arbeitnehmer jeden Tag erlebt. 94,6% der befragten Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren erklärten schlichtweg, ihre besten Ideen nicht am Arbeitsplatz zu haben.

Brutplätze der Kreativität

Wo aber dann? Kreativitätsort Nummer 1 der deutschen Arbeitnehmer ist die Dusche oder das Bad. 13,5% der Befragten gaben an, hier ihre besten Einfälle zu haben. Dahinter folgen das Bett oder Sofa (12,1%) und das WC (9,9%). Für die Auftraggeber der Befragung steht damit klar fest: Kreativ sind die Befragten vor allem daheim.

Aber auch außerhalb der eigenen vier Wände gibt es ein paar Kreativitätsnischen. Joggen (7,1%), Spazieren gehen (6,7%), Sport generell (5%) oder Fahrrad fahren (3,6%) bringt den Geist soweit in Gang, dass neue Lösungen und Ideen entstehen können.

Was aber genau macht das Zuhause zur überlegenen Kreativumgebung? Die iQudo-Berater vertreten hier eine „Brutplatz“-Theorie. Das eigene Heim, so die Analyse, ist ein Ort, an dem Menschen sich wohl und geborgen fühlen. Sicherheit und Wohlbefinden ist demnach die unverzichtbare Voraussetzung für Kreativität. Nur so gelingt das „Abschweifen“ und das „Abschalten“ vom üblichen Denkprogramm. Umgekehrt sind Stress (36,7%) und die Ablenkung durch die Kollegen oder den Chef (23,5%) laut Umfrage auch die wesentlichen Kreativitätsbremsen am Arbeitsplatz.

Das ist auch kein Wunder, denn wenn wir uns für Nachfragen von Kunden, Kollegen oder Vorgesetzen bereithalten müssen, reserviert unser Hirn nun einmal einen ordentlichen Bereich für das dazu erforderliche Hintergrundwissen. Schließlich wollen wir uns nicht überrumpeln lassen. Dieser „Cache“-Speicher geht der Wahrnehmung von neuem schlichtweg verloren. Und damit ist eigentlich klar, warum jede Form von „Bereitschaftsdienst“ grundsätzlich nicht mit Kreativität vereinbar ist oder diese zumindest nicht fördert.

Kreativ von „9 to 5“?

Was heißt das nun für unsere Arbeitswelt? Sicherlich können Unternehmen erst einmal die Büroeinrichtung optimieren und kreative Rückzugsräume schaffen, an denen sich Arbeitnehmer durch den einfachen Tapetenwechsel inspirieren können. Nicht umsonst führt iQudo Beispiele wie Google’s EMEA-Zentrale in Zürich an, wo Mitarbeitern ein kleiner Wellness- und Entertainment-Park zur Verfügung steht, oder den Hugo Boss Firmensitz in Metzingen, an dem Mitarbeiter ein riesiges Sport- und Fitness-Angebot in Anspruch nehmen können.

Die zentrale Frage aber ist sicherlich die generelle Einstellung der Unternehmensführung gegenüber Kreativleistungen. Denn diese sind nun einmal nicht – abgesehen vielleicht von Profi-Werbetextern – auf Knopfdruck verfügbar und controlling-fähig, wie die üblichen, quantifizierbaren Bürodienstleistungen. Verständlich also dass Vorgesetzte, die den Einsatz der Workforce letztendlich verantworten müssen, mehr oder weniger ein Argusauge auf die Kreativarbeit werfen. Doch genau darin liegt das Dilemma. Sobald wir die Uhr ticken hören, sobald wir den Vorgesetzenblick spüren, ist Schluss mit dem kreativen Abschweifen. Der Verstand übernimmt und liefert bewährte Standardlösungen, die – nun ja – eben nicht gerade innovativ sind.

Die Lösung? Was hier nicht wirklich mit Kreativität zusammenstimmt, ist das klassische Leistungsmodell der zeitbasierten Vergütung. Kreativität hat nunmal ihre eigenen Zeiten und ihre eigenen Orte. Diese im klassischen 9to5-Arbeitstrott verwirklichen zu wollen, Büroausstattung hin oder her, ist überholt. Nicht umsonst räumen daher führende Unternehmen ihren Mitarbeitern heute ganz neue Modelle wie die Vertrauensarbeitszeit ein. Hier schaut niemand mehr, wann und wo das vereinbarte Pensum abgeleistet wird. Allein die Resultate zählen. Und das heißt für den Arbeitnehmer: Wenn es nunmal die Dusche ist, unter der Kreativität passiert – warum dann nicht öfter unter der Dusche arbeiten?

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