Was ist eigentlich „Wissensarbeit“?

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CC by The Wolf
CC by The Wolf

Das Schlagwort vom „Wissensarbeiter“ (engl. „Knowledge -“ oder „Information Worker“) geistert durch die aktuelle Arbeitsforschung wie die Trendvokabel „Digital Natives“. Doch was heißt das genau? Wer ist eigentlich Wissensarbeiter? Und muss nicht vielmehr jeder, der arbeitet, eh immer schon „wissen“?

Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) hat sich der Sache mit dem gewohnten Tiefgang angenommen und eine wissenschaftliche Definition angeboten. Die Studie „Information Work 2009“ von Dieter Spath (Hrsg.) u.a. präzisiert gleich eine ganze Typologie von Wissensarbeitern nach einer Reihe von Kriterien. Doch zunächst: Was ist eigentlich „Wissensarbeit“?

Hierzu schreiben Spath und Kollegen: „Charakteristisch für Wissensarbeit ist, dass diese häufig komplex, wenig determiniert und folglich schwer in vorgegebenen Abläufen standardisierbar ist. […] Wissensarbeit schafft ständig neues Wissen und baut auf Erfahrungen Anderer auf. Dabei agieren Wissensarbeiter stark autonom und sind somit wenig direkt ‚anleitbar‘. Darüber hinaus stellt Wissensarbeit neue Anforderungen an die Arbeitsprozessorganisation, betriebliche Steuerungssysteme, die Gestaltung der Arbeitsplätze bzw. der Büroumgebung insgesamt und nicht zuletzt an die Führung und Motivation von Mitarbeitern.“

Kriterien für Wissensarbeit

Nach dem Ansatz des IAO sind „Neuartigkeit“, „Komplexität“ und „Autonomie“ die wichtigsten Bemessungskriterien für Wissensarbeit. Diese Merkmale werden von der Studie dann auch sehr plausibel aufgeschlüsselt.

„Neuartigkeit“: Häufigkeit völlig neuartiger Aufgabenstellungen, Notwendigkeit zur Aktualisierung und Erweiterung des fachlichen Wissens, Häufigkeit der Veränderungen des Arbeitsumfeldes in organisatorischer, technischer und/oder räumlicher Hinsicht.

„Komplexität“: Vielfältigkeit der Arbeitsaufgaben, ihre Schwierigkeit und Komplexität, Umfang und Verantwortung bezüglich der Koordination und Abstimmung komplexer Projekte, Ausmaß an Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit.

„Autonomie“: Einflussnahme auf Arbeitsinhalt und Arbeitsablauf, örtliche Mobilität (z.B. Home Office, Mobiles Arbeiten), Flexibilität der Arbeitszeit.

Online-Umfrage Information Worker Check

Mit diesen Kriterien im Gepäck hat das Fraunhofer-Institut vor einiger Zeit eine der größten und umfassendsten Erhebungen in Deutschland gestartet. Mehr als 1.000 Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Branchen gaben von Januar bis Dezember 2008 im Rahmen der Online-Befragung „Information Worker Check“ Auskunft über ihren Arbeitsalltag. Die Ergebnisse hat das IAO geschickt geclustert und daraus 4 Typen von Wissensarbeitern abgeleitet. Diese wurden dann leider ein bisschen phantasielos lediglich mit Buchstaben bezeichnet:

Typ A: „Tätigkeiten, bei denen Erfahrung und Wissen durchaus eine wichtige Rolle spielen, Entscheidungsfreiräume aber eher begrenzt sind und im Wesentlichen bekannte und standardisierte Prozesse mit merklichen Routineanteilen vorherrschen (z.B. Assistenzaufgaben)“. Dieser „Assistenten“-Typ ist mit 17,1% der zahlenmäßig geringste unter den Teilnehmern der Umfrage.

Typ B: „Pesonenkreis, der Informations- u. Wissensarbeit normalerweise mit relativ großer Autonomie bewältigen kann und dessen Aufgabenspektrum sich durch eine hohe Komplexität bei mittlerem Neuartigkeitsgrad auszeichnet (z.B. Fachtätigkeiten, Spezialisten). Dieser „Spezialist“ bringt es auf 27,1% der Umfrageteilnehmer und rangiert damit knapp auf Platz 3.

Typ C: „Kennzeichnend ist ein recht hoher Schwierigkeitsgrad bezüglich der Neuartigkeit als auch der Komplexität der Aufgaben. Andererseits verfügt dieser Typus jedoch nur über einen beschränkten Freiraum und Autonomie, um eigenständig über das ‚wie, wann und wo‘ zur Bewältigung dieser Aufgaben zu entscheiden (z.B. Mitarbeiter in Laboren)“. Dieser „Laborant“ steht für 28,0% der Befragten und stellt damit knapp die größte Gruppe.

Typ D: „Personen, deren Tätigkeitsspektrum sich durch eine sehr häufige Auseinandersetzung mit neuartigen und komplexen Aufgaben beschreiben lässt und die gleichermaßen über ein hohes Maß an Autonomie verfügen […]. ‚Wissensarbeit im engeren Sinne‘, also Tätigkeiten, bei denen das einmal erworbene Fachwissen nicht ausreicht, sondern die es erforderlich machen, das vorhandene Wissen auch stets zu revidieren, zu verbessern und zu erneuern, um Problemlösungen zu finden (z.B. Consulting, Forschung und Entwicklung, Wissenschaft)“. Dieser „Forscher“-Typ stellt mit 27,8% knapp die zweitgrößte Gruppe unter den Befragten dar.

Wer ist Wissensarbeiter?

Wow, möchte man sagen, angesichts des Fraunhoferschen Analyseaufwands. Doch was genau erfahren wir daraus über die Struktur der Wissensarbeit in Deutschland?

Leider noch nicht unbedingt viel, da es wohl niemandem leicht fallen dürfte, diese Typen anhand der Definitionen in seinem eigenen Arbeitsumfeld ausfindig zu machen. Wer ist „Forscher“, wer „Assistent“? Was bin denn ich eigentlich? Wie misst man denn Autonomie, Komplexität oder Neuartigkeit?

Nun, die Online-Umfrage macht es sich da ziemlich leicht, wie jeder selbst herausfinden kann. Sie fragt einfach direkt nach der Selbsteinschätzung des Teilnehmers. Dieser darf die „Schwierigkeit“, „Verantworlichkeit“ oder „Neuartigkeit“ seiner Tätigkeit selbstständig auf einer 7-stufigen Skala beurteilen.

Zugleich zeigt auch „Information Work 2009“ ein alt bekanntes Problem der Umfrageforschung. Wer an einer Umfrage freiwillig teilnimmt, ist meistens schon so weit in das Thema involviert, dass gewisse Ergebnisse einfach nicht auftreten werden. Wen wundert es also, dass die Teilnehmer der IAO-Umfrage Neuartigkeit, Komplexität und Autonomie ihrer Tätigkeit im Durchschnitt generell eher hoch einschätzen?

Fassen wir das einmal ein wenig polemisch zusammen: Wer von der IAO-Umfrage überhaupt erfahren, sich bis zu ihr durchgeklickt und die 20 Minuten Ausfüllzeit auf sich genommen hat, geht ganz sicher schon mal als „Wissensarbeiter“ durch.

Dennoch stellt „Information Work 2009“ natürlich eine wichtige Referenz in diesem neuen Forschungsgebiet dar. Spannend wird bestimmt der Vergleich der Werte im Zeitverlauf. So kündigen Spath und Kollegen bereits eine 2010-Fassung an. Und auch die internationale Ausdehnung der Studie, wie sie durch die neue englisch-sprachige Version der Umfrage auf dem Weg ist, dürfte ein paar interessante Einsichten liefern.