Das Habitat wächst: Smarte Arbeit jenseits von Büro, Home Office und WLAN-Café
Warum gibt es eigentlich Büros? Was die Generation unserer Eltern noch als Kinderfrage abtun durfte, zählt heute zu den Leitfragen der Arbeitsforscher. Wie Markus Albers in seinem Buch „Morgen komm ich später rein – Für mehr Freiheit in der Festanstellung“ anhand aktueller Beispiele illustriert, wird das klassische Büro für den modernen Wissensarbeiter zunehmend zur bloßen Option. CTOs und Architekten arbeiten daran, den traditionellen Büroarbeitsplatz auf seinen verbliebenen Funktionskern zurückzuschneiden: ein Ort, an dem man Kollegen treffen kann, wenn einem mal danach ist.
Landläufig gilt das Büro noch immer als unersetzlich, versammelt es doch eine räumliche und technische Infrastruktur, die für den einzelnen Mitarbeiter lange unerschwinglich schien und sich nur ab einer entsprechenden Anzahl von Arbeitskräften überhaupt erst rechnete. Mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem Ausbau der Datennetze gerät diese Vorstellung aber erheblich unter Druck. Ein kurzer Blick auf die Geschichte der Bürotechnik macht deutlich, warum wir heute an einer Epochenschwelle stehen.
Kleine Technikgeschichte des Büros
Seit seiner Entstehung Anfang des 20. Jahrhunderts war das „Bureau“ die einzige praktikable Organisationsform, um Menschen an teuren Schreibmaschinen und Fernsprechern arbeiten und ihre Ergebnisse zentral archivieren zu lassen. In den 70er Jahren leitete die Computertechnik in Gestalt der „EDV“ das allmähliche Abschmelzen der Aktenberge ein. Ab Mitte der 90er machten Internet und Email das digitale Arbeiten von zuhause möglich. Schließlich sorgen Laptop und Wireless seit der Wende zum 21. Jahrhundert dafür, dass Wissensarbeiter ihre Leistungen grundsätzlich überall erbringen können.
Aber die Entwicklung dauert noch immer an: Unified Communications garantieren heute, dass mobile Arbeiter auf sämtlichen Telefoniekanälen (Mobil, VoIP, Festnetz) über eine einzige Rufnummer erreichbar sind. Zusätzlich machen Präsenzfunktionen dem Anrufer klar, ob die Kontaktperson gerade überhaupt zu sprechen ist, so dass aussichtslose Kontaktversuche von vornherein entfallen. Zu guter Letzt stellt auch die akustische Umgebung heute kein Argument mehr gegen die Arbeit von unterwegs dar. Headsets mit modernen NoiseCancelling-Technologien erlauben die Sprachkommunikation an einer Vielzahl von Orten, die aufgrund ihrer schwierigen akustischen Situation bislang als tabu galten. Damit nimmt der moderne Wissensarbeiter also auch in Sachen Live-Kommunikation keine Einbußen mehr gegenüber dem Office in Kauf.
Für den Kunden wie für den Kollegen ist heute also praktisch nicht mehr unterscheidbar, von wo aus der Gegenüber arbeitet. Bildlich gesprochen, erschließt sich die digitale Arbeit damit völlig neue Lebensräume, neue ökologische Nischen. Die digitale Arbeit der Zukunft, so scheint es, nistet wo sie will.

Neue Orte für kreatives Arbeiten
Gegenüber der „traditionellen“ Telearbeit kommen damit aber auch neue Motive ins Spiel. Die Telearbeit seit Mitte der 90er orientierte sich einerseits an den Effizienz- und Kostenüberlegungen der Unternehmer. So sollten in erster Linie Bürokosten gesenkt und die Produktivität gesteigert werden, indem Ablenkungen reduziert wurden. Andererseits durften Arbeitnehmer im Gegenzug auf mehr Zeit für die Familie und weniger Pendlerstress hoffen.
Das alles zählt natürlich nach wie vor. Zusätzlich stellt sich den Wireless Workern von heute aber die Frage: An welchen Orten und zu welchen Zeiten arbeite ich eigentlich am produktivsten? Welche Umgebung unterstützt meinen Arbeitstyp? Wo und wann kann ich Herausragendes leisten und über bloße Routineleistungen hinausgelangen?
Dabei können die Maßstäbe für Produktivität ganz verschiedene sein. Geht es um Einfälle, Kreation, Ideen? Brauche ich etwas mehr Bühne, also das Café etwa? Brauche ich Besinnung und Ruhe, wie sie die Uni-Bibliothek oder sogar das Klosterhotel bieten? Brauche ich mal ganz viel Abstand von allem und schlage ich meinen Laptop also unter Umständen am Meer auf?
Jeder, der das mobile Office aus eigener Erfahrung kennt, weiß, dass die jeweilige Arbeitsumgebung ganz bestimmte Kräfte weckt und neue Potenziale wachruft. Und die eigentlich spannende Frage lautet: Sieht man es am Ende nicht auch den Ergebnissen an? Werden wir in Zukunft sensibler für den Unterschied zwischen dem inspirierten Produkt und der bloßen Routineleistung? Schickt uns am Ende der Chef mit dem Laptop vor die Tür, um irgendwo draußen noch einmal nachzuarbeiten?
Was Künstler und Schriftsteller von jeher als Produktionsbedingung schätzen, rückt im Digitalzeitalter auch für die Erben der Büroarbeit in greifbare Nähe: Dort zu arbeiten, wo wir uns gerne aufhalten und jeder nach seinen eigenen Bedingungen produktiv sein kann.
Ein Requiem für das Büro?
Ist das herkömmliche Office damit erledigt? Für einen Abgesang auf Container-Schreibtisch, Raucherecke und Kollegengeburtstag ist es natürlich zu früh. Immerhin gehen laut einer Umfrage des Branchenverbandes BITKOM 28 Prozent der deutschen Arbeitnehmer auch weiterhin am liebsten ins Büro. Und auch wer sich im Bekanntenkreis umhört, trifft auf erklärte Befürworter der Büroarbeit, die gerade dort ihre Produktivität am besten entfalten.
So dürfte sich am Ende – auch wenn den Prognosen zufolge der Trend zur mobilen Arbeit weiter zunimmt – je nach Branche ein spezifischer Sockelbestand an klassischer Büropräsenz einpendeln. Die Zahl der Büroarbeitsplätze schrumpft. Aber auf das feierliche Zuschlagen der Firmentür am Freitagabend braucht vorerst niemand zu verzichten.










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